Ist Radfahren in Wien wirklich so schlimm?

Ich war jetzt 2 Wochen in Deutschland mit dem Rad unterwegs, um mir best practices anzuschauen. Das machte mir erst bewusst, wie schwierig & unbequem es in Wien ist, sich mit Rad emissionsfrei, leise und sehr platzsparend zu bewegen. Aber ist das wirklich so?

Der @martin_blum, Fahrradbeauftragter der Stadt Wien meinte, und jetzt paraphrasiere ich, so schlimm ist es in Wien auch wieder nicht. Ich fragte mich: Bin ich schon so lange in Wien, dass ich den Pessimismus übernommen habe?

Um mich quasi gleich selbst auf die Probe zu stellen, beschloss ich, meinen Heimweg vom Bahnhof Meidling in den 8. Bezirk genau zu prüfen. Ich habe mir extra die guten Wege ausgesucht, die die tolle App Bikecitizens vorschlägt. Also, brechen wir auf. Los geht’s über …

die Wilhelmstraße, hier fährt es sich okay, der Radweg ist nicht baulich getrennt, aber immerhin gibt es rechts keine parkenden Autos und er ist auch breit genug, um dort bequem zu fahren. Kinder würde ich hier aber nicht fahren lassen. Die Arndtstraße ist dann gut.

Dieser Abschnitt ist wirklich ein überdurchschnittlich gut zu fahrender Weg. Dann geht’s aber wieder ab auf die Straße. Das ist wieder eher nur etwas für Mutige, rechts parken Autos, der Radstreifen ist sehr eng, das ist der Standard in Wien. Geht die Tür auf, gute Nacht.

Jetzt aber ab zum Gürtel. Diese Kreuzung ist meiner Meinung nach gut geregelt, es gibt ausreichend Platz um in beide Richtungen unterwegs zu sein. Natürlich geht immer mehr, aber Wien ist eng und das hier finde ich gut gelöst. Farbliche Kennzeichnung wär noch gut.

Gleich bin ich am Gürtel, vorher muss ich noch über diesen Weg, der von Fußgängern und Radlern gemeinsam genutzt wird. Das geht jetzt gerade, weil wenig los ist, ist aber immer wieder problematisch. Wer 🚲 fördern möchte, schaut, dass der Verkehr fließen kann. So geht das nicht.

So, ab auf den Gürtelradweg. Hauptverkehrsachse. Der Radweg ist baulich von der Straße getrennt, alles andere wäre absurd, aber für eine so wichtige Straße zu schmal. In Freiburg versucht man Fahrradstraßen so zu machen, dass 2 in eine Richtung und 1 entgegen kommen kann.

Höhe Westbahnhof, jetzt wird’s (un)lustig. Wer im Auto sitzt, fährt gerade Richtung Norden. Mit dem Rad muss ich jetzt erst mal die Straßenseite wechseln. Das heißt: An der Ampel warten. Kluge Verkehrspolitik sorgt dafür, dass umweltfreundlicher Verkehr fließt. Hier fließt nur 🚗

Jetzt muss ich über die Äußere Mariahilferstr., d.h. für mich noch mal warten. Auf einem kleinen Fleckchen übrigens, auf dem regelmäßig zu wenig Platz ist, mehr als 3, maximal 4 Räder passen da nicht her, der Verkehr nimmt am Rad aber stark zu. Problematisch.

Weiter geht’s, ich bin noch nicht am Gürtelradweg zurück und fahre jetzt an der dritten Ampel vorbei. Der Autoverkehr ist wahrscheinlich schon 2 Kilometer weiter, während ich mühsam von Straßenseite zu Straßenseite wechsle. Aber Glück: Dieses Mal grün.

Ich bin wieder am Gürtel, aber noch nicht zurück am Radweg. Vorher warte ich an Ampel 4. Das ist schon sensationell: Auf einer der Hauptverkehrsachsen in der Stadt muss man vier (!) Mal die Straßenseite wechseln, um gerade auszufahren. Das ist absurd.

Ich denke mir, so falsch war meine Erinnerung an die Situation in Wien nicht und fahre weiter. Hier hört der Gürtelradweg quasi zwischendrin einfach auf und man fährt auf einem kleinen Streifen direkt in dem Raum, in dem parkende Autos potenziell ihre Türen öffnen.

Beim Urban-Loritz-Platz ist der Radweg wiederum gut gekennzeichnet, gerade hier, wo viele Fußgänger:innen unterwegs sind, ist das wichtig. Das ist in Wien leider häufig nicht so, am Ring führt das immer wieder zu sehr gefährlichen Situationen mit Tourist:innen.

Aber ich schweife ab. Ich bin schon fast auf Höhe Thaliastraße, weiter auf einer Hauptradroute in einer der reichsten Städte der Welt, links und rechts jeweils vier Autospuren. Als Radfahrer:in teilt man sich hier den Weg mit Fußgänger:innen. So unverantwortlich!

Denn es geht bergab und man möchte mit dem Rad ja nicht nur sicher, sondern auch schnell vorankommen. Wer hier aber mit Tempo fährt, gefährdet Fußgänger. Die beiden umweltfreundlichsten Formen, sich fort zu bewegen, werden also gegeneinander ausgespielt.

Beim Bild oben würde ich mir noch eine farbliche Kennzeichnung wünschen, weil hier viele unterwegs sind, aber der Übergang ist okay. Danach bräuchte es wieder Farbe, denn viele halten hier den Radweg für den Gehweg. Das sorgt regelmäßig für Gefahr.

Gleich bin ich zuhause, ich komme in die Pfeilgasse. Das ist ein wichtiger Radweg im 8. Bezirk und meine Damen und Herren, was Sie hier im Bild sehen ist ein Zweirichtungsradweg! (Psst, Geheimnis: Hier gehen sich keine zwei Räder nebeneinander aus.)

Nachher sieht’s auf der Pfeilgasse so aus. Die immer größer werdenden Autos passen oft nicht mehr in die Parkflächen, sie ragen auf den Radweg. Wenn wie bei mir ein Auto kommt, ist unangenehm wenig Platz. Auch hier würde ich kein Kind fahren lassen …

Ich kreuze die Josefstädter Str. und fahre vorbei am Café Hummel (💛). Hier gibt’s aber leider gar keinen Radweg mehr, also fahre ich auf der Straße. Das ist zwischen den Bim-Gleisen nicht so lustig, aber das ist in Wien nun mal so und damit kann ich gut leben.

Auf der Laudongasse gibt es auch keinen Radweg, aber eigentlich mehr als genug Platz dafür. Der wird nur derzeit dafür verwendet, dass hier Autos 95% der Zeit rumstehen. Könnte man anders machen, finde ich. Aber nur meine Meinung! Hier endet’s. Bye.

Originally tweeted by Andreas Sator (@a_sator) on 8. May 2022.