Was wir von Lustenau lernen können

Ich bin auf Recherchereise. Um die Klimaziele zu erreichen, müssen wir Pkw-Kilometer reduzieren. In Städten ist naheliegend, wie das rasch geht: Mehr Wege mit dem 🚲. Darum schaue ich mir einige Fahrradstädte an. Was können wir lernen?

Stopp 1: Lustenau.

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Lustenau hat einen für Österreich ungewöhnlich hohen Anteil von 22 Prozent Radverkehr. In Wien sind es 9 Prozent. Die Forschung zeigt, dass man mehr Menschen vom Auto aufs Rad bringt, in dem der Verkehr beruhigt wird und die Infrastruktur fürs Rad gut und sicher ausgebaut wird.

In Lustenau ist beides der Fall. Es gibt noch viel Luft nach oben, aber der Status quo ist für österreichische Verhältnisse fast luxuriös. Ich habe natürlich mein Rad eingepackt, um mir das selbst anzuschauen und ich hatte erst 1x Todesangst. Kein Vergleich zu Wien.

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Das hier ist die Grüttstraße, sie ist zur Fahrradstraße gewidmet worden. Es ist eine Wohnstraße, in die nur mehr Anrainer mit dem Auto dürfen. Man darf auch nur Tempo 30 fahren. Man sieht in Lustenau immer wieder Kinder mit dem Rad fahren: Das tut so gut zu sehen.

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Es gibt derzeit 2 Begegnungszonen, Autos dürfen hier nur maximal 20 km/h fahren. Das sind Plätze vor den Schulen und das ist sehr sinnvoll. Allgemein fällt auf, dass hier die Autos relativ langsam fahren. In vielen Teilen des Orts herrscht Tempo 30 oder 40.

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Dass hier so viele Kinder und Jugendliche mit dem Rad in die Schule fahren, finde ich richtig schön. Selbst aktiv und mobil sein zu können geht in einer autogerechten Stadt nicht. Auch in Lustenau ist das Auto dominant, aber das Rad hat hier deutlich mehr und besser Platz.

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Hier noch eine andere Schule, weil ich das so geil finde.

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Es ist aber bei weitem nicht alles eitel Wonne. Hier auf der Bahnhofstraße ist Tempo 50, der Radweg ist aber baulich nicht abgetrennt. Ein No Go. Vor allem, weil hier Lkws fahren und zwar nicht wenige. Nach dem 5. Lkw, der mich überholte, drehte ich um. Lebensangst.

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Allgemein ist das Radfahren hier aber beeindruckend angenehm, das liegt an der schönen Landschaft, die noch dazu brettleben ist, aber auch am langsamen Tempo der Autos, der teilweise guten Infrastruktur und an der sogenannten „safety in numbers“.

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So nennen Verkehrsforscher:innen das, wenn es genügend Räder auf der Straße gibt, dass Autos ständig mit ihnen rechnen und deshalb vorsichtig sind. Das ist hier merkbar der Fall. Laut Kurt Fischer, dem Bürgermeister (ÖVP), sind Dornbirn und Bregenz auch großartig mit dem Rad zu erreichen.

Da ist dann eigentlich die Frage, warum nicht mehr Menschen in Lustenau mit dem Rad unterwegs sind. Fischer plant jedenfalls eine Fahrradbrücke in die Schweiz, einen Lückenschluss vom Süden her und es wird gerade die 3. Begegnungszone gebaut.

Was ich an der Begegnung mit ihm beeindruckend fand: Er spricht nie in Zahlen, so wie ich das mache (-25% Pkw-Kilometer), sondern in Bildern. Die Kinder sollen vom Süden Lustenaus mit dem Rad in die Musikschule fahren können, darum wird ein großer Radweg gebaut.

Er redet auch nicht von Treibhausgasemissionen oder Verzicht, sondern von Lebensqualität, einer neuen Qualität des öffentlichen Raums, davon, die Kaufkraft in Lustenau zu halten, indem die Menschen nicht mit dem Pkw ins nächste Einkaufszentraum fahren …

und davon, dass Mobilitätspolitik in erster Linie auf die Schwächsten schauen muss: Auf die Kinder und auf die Älteren, die derzeit in ihrer Mobilität fast in ganz Österreich massiv eingeschränkt sind.